Ein Schrank voll was zum Anziehen

Jaja, wer kennt ihn nicht, diesen verzweifelten Hilferuf in der frühmorgendlichen Hektik (alternativ: zehn Minuten, nachdem man eigentlich schon zur Familienfeier losgefahren sein wollte):

„Schaaatz? Ich hab nix zum Anziehen!!“

Vor nicht allzu langer Zeit ging es mir jedenfalls regelmäßig so: Der Kleiderschrank quoll über vor unterschiedlichsten Klamotten, von denen ich aber nur wenige wirklich regelmäßig getragen habe und von denen ich noch weniger tatsächlich mochte. Meistens fand ich meine üblichen „Jeans-Tshirt-Turnschuhe“-Kombinationen doch ziemlich langweilig und uninspiriert. Der Rest? Zu klein, zu ausgewaschen, zu kratzig, zu tief ausgeschnitten, zu ausgeleiert, zu „von Anfang an nicht wirklich gemocht“. Und damit war ich hierzulande definitiv nicht alleine:

Laut einer Greenpeace-Studie tragen wir Deutschen nur etwa ein Drittel unserer Kleidungsstücke wirklich regelmäßig, 40% hingegen selten oder nie!

Gott sei Dank hat sich das im Laufe der letzten zwei Jahre zumindest bei mir geändert, und zwar aus mehreren Gründen: Zum Einen musste ich (und werde ich demnächst wieder müssen) umziehen, sodass ich keine Lust hatte, den ganzen ungenutzten Klamottenberg von einer Wohnung in die andere zu karren. Zum Zweiten bin ich inzwischen mit dem Studium fertig geworden und habe das Referendariat, also den praktischen Teil der Lehrerausbildung, angetreten, daher haben sich auch meine Kleidungsbedürfnisse stark verändert. Während man als Student im Notfall schon mal in einer ausgefransten Jeans und einem ausgewaschenen Schlabbershirt in der Vorlesung sitzen kann, wird von einer Lehrerin doch erwartet, dass sie sich einigermaßen „ordentlich“ anzieht. Nicht zu tiefer Ausschnitt und angemessene Rocklänge inklusive, schließlich sollen sich die Schülerlein ja auf meinen Unterricht konzentrieren und nicht auf mein Dekolleté… Außerdem würde ich in meinen Uniklamotten ständig selber noch für eine Schülerin gehalten werden, das muss ja auch nicht sein. Und zum Dritten habe ich, ganz dem Zero-Waste-Gedanken geschuldet, beschlossen, die ganzen ungenutzten Klamotten lieber an Leute weiterzugeben, die (hoffentlich) Freude an ihnen haben und sie häufig anziehen werden.

Ausmisten war also angesagt!

Wie man den ganzen Kram danach am besten los wird, habe ich hier ja schon einmal vorgestellt: Nein, nicht einfach alles in die Mülltonne stopfen!! Stopp!!!
Doch kaum war diese Mammutaufgabe erledigt, stellte sich das nächste Problem: Jetzt hatte ich nämlich wirklich kaum noch etwas anzuziehen, wenngleich es immerhin nur noch Dinge waren, die ich wirklich gerne trage und die mir und meinem momentanen Lebensstil passen. Um nicht den gleichen Fehler zweimal zu machen, musste also ein Konzept her: In verschiedenen Büchern und auf diversen Internetblogs (von denen ich euch demnächst ein paar vorstellen möchte), habe ich mich also in die Thematik eingelesen und mir Tipps geholt, wie ich Fehlkäufe vermeiden und eine Gaderobe zusammenstellen kann, die ich wirklich gerne mag und regelmäßig trage. Und die in einem kleinen Kleiderschrank Platz hat. Denn den schönen großen Einbauschrank musste ich leider in meiner alten Wohnung zurücklassen…

Zugegeben; Ganz kann ich Fehlkäufe immer noch nicht vermeiden, aber ich werde  besser!

Hier also meine erprobten Tipps und Taktiken, wie ich (fast) nur noch Lieblingsklamotten kaufe:

Schritt 1: Den Alltag analysieren

In meinem Fall heißt das: Meine Kleidung muss unterrichtstauglich sein! Da es für Lehrer glücklicherweise keinen strengen Dresscode wie in manchen anderen Berufen gibt, kann ich meine Schuloutfits in der Regel problemlos auch in meiner Freizeit tragen, aber ein paar Dinge sind eben ausgeschlossen: Hotpants, Spaghettiträgertops, Bauchfreies oder Transparentes zum Beispiel. Okay, okay, ich hab ein Paar Hotpants, aber deren Benutzung ist halt nur sehr eingeschränkt möglich, da sie nicht schultauglich sind. Daher werde ich mir in naher Zukunft also eher bequeme, aber knielange Röcke kaufen, sollte ich Sommerkleidung brauchen.

Sollte jemand hingegen spezielle Arbeitskleidung benötigen oder einem sehr strengen Dresscode unterliegen, bietet es sich unter Umständen an, eigens für den Job eine sehr begrenze Mini-Capsule-Wardrobe anzulegen und diese Kleidung von der „gefällt mir und drückt meinen ganz persönlichen Stil aus“-Abteilung im Kleiderschrank zu trennen.

Schritt 2: Die Wettertauglichkeit prüfen

Dieser Tipp ist wirklich Gold wert: Anstatt bestimmte Kleidungsstücke zu besitzen, die ausschließlich im Sommer angezogen werden können, und andere, die nur im Winter tragbar sind, achte ich heute darauf, dass ich meine Sachen möglichst vielfältig kombinieren und so für alle Außentemperaturen nutzen kann. Also greife ich statt zu flatterigen, leichten Viskoseröcken, die sich gerne mal an einer Strumpfhose „festbeißen“, lieber zu solchen aus etwas festerem Stoff, die ich auch im Winter zu Leggins und Stiefeln tragen kann. Oder statt für Kleider mit hübschen Rüschenapplikationen, die sich aber unter Strickjacken oder Blazern unvorteilhaft abzeichnen würden, entscheide ich mich lieber für glatte, schlichter geschnittene Varianten, über die ich auch mal einen Pulli ziehen kann, ohne gleich auszusehen, als hätte ich seltsame Geschwüre am ganzen Oberkörper.
Natürlich gibt es immer noch einen hartnäckigen Rest an saisonaler Kleidung, die sich nicht vermeiden lässt, der warme Daunenmantel und die Wollmütze zum Beispiel oder die Sandalen, aber dieser Teil des Kleiderschranks lässt sich wirklich sehr stark minimieren, sodass ich den Großteil meiner Klamotten tatsächlich das ganze Jahr über tragen kann.

Schritt 3: Kombinierbarkeit testen

Dieser Schritt ist dem vorherigen ziemlich ähnlich, geht aber ein Stück weit über ihn hinaus: Hier geht es nicht mehr allein darum, ob das Kleidungsstück meiner Wahl, mit dem ich vielleicht gerade in der Umkleidekabine stehe, grundsätzlich dazu geeignet ist, mit anderen Teilen kombiniert zu werden, sondern darum, ob ich es mit meinen Teilen kombinieren kann. Eine Faustregel dafür ist, sich im Kopf bindestens drei verschiedenen Outfits mit diesem Stück und ausschliesslich solchen anderen, die bereits in meine Schrank vorhanden sind, zusammenzustellen. Dadurch kann ich sicher gehen, dass auch die Farben und der Stil des Teiles zum Rest meiner Garderobe passen.

Schritt 4: Qualität überprüfen

Dieser Schritt fällt besonders leicht, wenn man bevorzugt gebrauchte Kleidung kauft, wie ich es hier bereits vorgestellt habe. Da diese im Regelfall schon mehrfach getragen und gewaschen wurde, treten bei ihr etwaige Schwachstellen besonders offensichtlich zu Tage. Aber auch neue Teile sollte man einem prüfenden Blick unterziehen:

  • Sind die Nähte und Säume gleichmäßig und sauber verarbeitet oder ziehen sich bereits irgendwo Fäden?
  • Macht der Stoff einen stabilen und gleichmäßig verarbeiteten Eindruck oder ist er dünn, wirft er Falten, bilden sich bereits Pilling-Knötchen? (Tipp: Gegen das Licht erkennt man durchscheinenden Billigstoff am besten!)
  • Lässt sich das Kleidungsstück bequem tragen oder juckt der Stoff/ kratzt eine Naht/ wandert der Rockbund nach oben? Hier empfielt es sich wirklich, in der Umkleidekabine ein paar Gymnastikübungen zu machen (hinknien, nach unten beugen, die Arme in die Luft recken usw.), um den richtigen Sitz des Stücks zu überprüfen. Kleidung, die nicht hundertprozentig gut sitzt, landet mit extrem großer Wahrscheinlichkeit im dunklen, vergessenen Kleiderschranknirvana!!!
  • Kann ich ein Teil, dass nur zu 90% richtig sitzt, ggf. ändern (lassen), damit es ein Lieblingsteil wird? Gerade bei Hosen haben viele Menschen Probleme, genau den Schnitt zu finden, die zu ihrem Körperbau passt. Bei mir zum Beipspiel steht hinten immer der Hosenbund ein ziemliches Stück weit ab, weil ich ein leichtes Hohlkreuz habe. Dieses Problem kann der Änderungsschneider (oder die eigene Nähmaschine) aber für wirklich sehr kleinen Aufwand beheben.
  • Lässt sich das Kleidungsstück in angemessenen Umfang pflegen? Oder wäre es das einzige meiner Teile, dass chemisch gereinigt/ von Hand gewaschen/ gebügelt/ sonstwie speziell behandelt werden muss? Diese Stücke neigen dazu, genau einmal getragen und dann bis in alle Ewigkeit am Grunde des Wäschekrobs vergessen zu werden! Daher Finger weg von Kleidung, die nicht zum Rest des heimischen Wäschezirkusses passt!

Schritt 5: Ersetzen statt ergänzen

Dieser Schritt wird vor allem dann wichtig, wenn man erst einmal in die glückliche Lage gekommen ist, einen halbwegs funktioierenden Kleiderschrank mit einer ausreichenden Anzahl an einigermaßen passenden und regelmäßig getragenen Klamotten zu besitzen. Um zu verhindern, dass sich im Laufe der Zeit immer mehr Teile ansammeln, die den oben beschriebenen Prüfprozess bestanden haben, und der Schrank letzten Endes doch wieder aus allen Nähten platzt, gilt es, für jedes neu gekaufte Stück ein anderes auszusortieren. Dies ist natürlich kein Freifahrschein nach dem Motto: „Ach, irgendwas find ich schon, was ich rausschmeißen kann!“, denn das Ziel ist ja, nur solche Stücke zu besitzen, die man wirklich mag und gerne trägt. Da sich aber eben leider doch ab und zu noch Fehlkäufe einschleichen oder manche Teile – weil man sie ja nun häufig trägt – irgendwann zu abgetragen sind, um sie noch in der Öffentlichkeit zu präsentieren, muss ab und zu Ersatz her. Dann (und nur dann!!) wird etwas neues gekauft, wobei „neu“ wie gesagt nicht zwingend den Zustand des Kleidungsstücks, sondern lediglich seinen Status in meinem Schrank beschreiben muss.

Schritt 6: Im eigenen Schrank einkaufen gehen

Sollte sich nun ab und zu doch die gefürchtete Outfit-Langeweile einschleichen und ich das Gefühl bekommen, nur langweiliges, uninspiriertes Zeug im Schrank zu haben, so hat es sich bewährt, erst einmal die Sachen, die ich besitze, genau unter die Lupe zu nehmen und mir daraus mindestens drei neue Outfits, die ich so noch nie getragen habe, zusammenzustellen. Ich stelle  immer wieder fest, dass meine Kreativität dabei erst richtig in Schwung kommt und mir jedes Mal wieder neue Kombinationen einfallen. Schwupps ist das Bedürfnis nach mehr Klamotten auch schon verschwunden.

Kleiner Tipp am Rande: Die auf diese Weise neu entdeckten Outfits am besten irgendwie dokumentieren, z.B. in einem Notizbuch, einem digitalen Fotoalbum oder in eigens dafür gedachten Apps wie Stylebook, damit sie nicht in Vergessenheit geraten!

Fazit:

In der Theorie lässt sich auf diese Weise eine absolut alltagstaugliche und den eigenen Bedürfnissen entsprechenden Traumgarderobe zusammenstellen. Wie sehr sich diese Theorie tatsächlich in der Praxis bewährt, hängt natürlich von der Konsequenz ihres Besitzers bzw. ihrer Besitzerin ab!

Bei mir hat es jedenfalls ziemlich gut geklappt, wenngleich der Transformationsprozess von der Studentinnen- zur Lehrerinnengarderobe immer noch anhält. Alles in allem enthält mein Kleiderschrank aber heute bestenfalls noch ein Drittel der Klamottenmenge, die er noch vor zwei Jahren beherbergen musste. Und den allerallergrößten Teil davon trage ich tatsächlich regelmäßig.


Diesen Beitrag reiche ich bei der EiNaB-Blogparade ein!

Logo-EiNaB

Advertisements

6 Gedanken zu „Ein Schrank voll was zum Anziehen

  1. Hallo!

    Dein Beitrag gefällt mir voll gut. Nachdem ich dieses Jahr fest am Entrümpeln bin, habe ich mir natürlich auch wieder einmal den Kleiderschrank vorgenommen.

    In einem Deiner Absätze habe ich mich besonders wieder gefunden – die Sache mit dem Teil für die Arbeit und dem, was die Persönlichkeit ausdrückt. Unterschiedlicher könnte es bei mir nicht sein. Und das ist auch der Grund, warum ich (leider noch) einen großen Kleiderschrank brauche.

    Wenn ich nach Hause komme, ziehe ich mich als erstes um. Aber ich bin dabei, diesen Teil zu optimieren und finde zum Glück Wege, dass ich nun doch ein paar Teile habe, die mir persönlich auch gut gefallen. Langsam wird es.

    Besonders gut gefällt mir Dein Absatz mit dem Ersetzen und dem „Ach, irgendwas find ich schon, was ich rausschmeißen kann!“ – deshalb halte ich die Regel – „für jedes neue Teil muss ein altes gehen“ auch für völlig falsch.

    Es kann natürlich nur umgekehrt sein – für jedes Teil, das kaputt ist, nicht mehr passt o.ä. darf ein neues kommen, wenn es denn nicht ohne geht. Oder so ähnlich 😉

    Schön, dass Du bei EiNaB wieder mit dabei bist!

    lg
    Maria

    Gefällt mir

  2. Hallo Pip,
    ups. da hatte ich gerade fast den gleichen Gedanken für einen Blogbeitrag… Was für ein witziger Zufall!
    Wie schön, dass andere auch über das Thema nachdenken! Die Idee, neu kombinierte Outfits zu dokumentieren ist witzig, das sollte ich anfangen.
    Viele Grüße
    Martina

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s